
Normung trotz Geopolitik
Ein Interview mit Jonathan Hughes, Vorsitzender des IEC TC 88, über Windenergie, Klimawandel und internationale Zusammenarbeit
Mai 2026
Die internationale Normung trotzt der Geopolitik – das bewies das Annual Meeting des Technischen Komitees 88 (TC 88) der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC), das in diesem Jahr bei Bachmann electronic in Feldkirch stattfand. Während geopolitische Spannungen zunehmen, brachten Experten aus 15 Ländern die Windenergie durch ihre Zusammenarbeit voran. Jonathan Hughes, Vorsitzender des Komitees, erklärte am Rande der Tagung bei einem exklusiven Interview, wie Netzintegration, neue Materialien und der Klimawandel die Normungsarbeit prägen – und warum internationale Zusammenarbeit unverzichtbar bleibt.
Unser Interviewpartner
Bachmann electronic:
Könnten Sie uns einen kurzen Überblick über die aktuellen Prioritäten und zentralen Herausforderungen in der Arbeit des IEC TC 88 geben, insbesondere vor dem Hintergrund der sich weiterentwickelnden Windenergie-Technologien und der globalen Marktanforderungen?
Jonathan Hughes:
Das TC 88 ist eine große, vielfältige und wachsende Gruppe. Unsere Normen decken alle Komponenten von Windenergieanlagen ab, einschließlich verschiedener Fundamenttypen. Hier liegen unsere Schwerpunkte derzeit auf der Anpassung dieser Fundamente für Offshore- und schwimmende Offshore-Fundamente. Wir diskutieren darüber, wie wir die etablierten Auslegungsnormen für Onshore-Anlagen auf diese neuen Kontexte übertragen können – inklusive Änderungen bei den Materialien. Auf der diesjährigen Vollversammlung haben wir beispielsweise über den Einsatz von Beton und Hybridmaterialien statt nur Stahl für Türme diskutiert.
Eine weitere große Herausforderung ist die Netzintegration, da die Marktanforderungen trotz ähnlicher Bedürfnisse stark variieren. Hier müssen wir nicht nur die elektrischen Auswirkungen betrachten, sondern das gesamte System. So haben wir auf der letzten Vollversammlung etwa erörtert, wie sich die potenziellen Auswirkungen von netzbildenden Aktivitäten auf die mechanischen Antriebsstrangkomponenten berücksichtigen lassen und wie die langfristige Zuverlässigkeit sowie die Wartung sichergestellt werden können, wenn Turbinen für netzbildende Zwecke genutzt werden.
Bachmann electronic:
Welche Hauptrisiken gehen von geopolitischen Trends für die globale Harmonisierung der Normen im Bereich Windenergie aus? Gibt es Bedenken hinsichtlich fragmentierter Märkte, technischer Inkompatibilitäten oder steigender Kosten durch abweichende nationale oder regionale Normen?
Jonathan Hughes:
Tatsächlich gibt es bei den Normen für Windenergieanlagen nur sehr wenige nationale Abweichungen. Heute hatten wir Vertreter von CENELEC bei uns zu Gast, die über die europäische Harmonisierung sowie breitere Standardisierungsbemühungen gesprochen haben. Die Herausforderungen liegen vor allem in der Abstimmung mit anderen Bereichen, wie etwa den globalen Planungsvorschriften, die sich von Region zu Region unterscheiden, oder den Netzcodes. Zudem müssen wir regionale Unterschiede berücksichtigen: Im Bereich der Nordsee besteht beispielsweise ein erhöhtes Risiko durch Regen-Erosion, während in sehr trockenen Ländern Sand-Eintrag und hohe Temperaturen besondere Herausforderungen darstellen.
All diese Faktoren fließen in die Arbeit des TC 88 ein, insbesondere im Hinblick auf Nachhaltigkeit und die Anpassung an den globalen Klimawandel. Wenn eine Struktur ursprünglich für ein Ereignis ausgelegt war, das statistisch nur alle 50 Jahre auftritt, dieses Ereignis jetzt aber jährlich auftritt – wird sie dann noch 50 Jahre halten? Das sind die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, und sie betreffen die gesamte Welt. Heute haben wir erlebt, wie Länder zusammenarbeiten, die aufgrund externer Politik möglicherweise sonst nicht miteinander ins Gespräch kämen. Dennoch tauschen sie sich frei über Ideen und Wissen aus.
Bachmann electronic:
Wie sehen Sie die Zukunft der internationalen Standardisierung im Bereich Windenergie, falls die geopolitischen Spannungen weiter zunehmen? Welche Rolle werden Kooperationen mit anderen internationalen Organisationen wie ISO und IEA bei der Gewährleistung globaler Harmonisierung und der Minimierung geopolitischer Risiken spielen?
Jonathan Hughes:
Die Zusammenarbeit zwischen IEC und ISO ist sehr eng. Wir haben heute von der Kooperation im Bereich Bauwesen mit den zuständigen ISO-Arbeitsgruppen gehört – das ist der größte Überschneidungsbereich – sowie von der Zusammenarbeit bei Lagern und Antriebsstrangkomponenten. Zudem gibt es gemeinsame Arbeitsgruppen mit anderen IEC-Komitees zu Generatoren und anderen Normen. Am Nachmittag werden wir über Nutzergruppen und die Beziehung zwischen Turbinensteuerungssystemen und übergeordneten Steuerungssystemen über die OPC Foundation sprechen.
All diese Bemühungen tragen zur globalen Zusammenarbeit bei – unabhängig vom Standort. Hoffentlich wird die internationale Standardisierung weiterhin unabhängig von politischen Spannungen sein, solange die Regierungen diese Arbeit unterstützen. Natürlich gibt es Risiken, wie etwa in den USA mit dem NREL, das lange ein wichtiger Forschungspartner war und jetzt weniger Unterstützung leisten kann. Allerdings haben andere Partner die Lücken geschlossen.
Die Zusammenarbeit mit der IEA Wind könnte zwar noch intensiver sein, aber wir sehen bereits eine ausgezeichnete Kooperation in Bereichen wie LIDAR-Technologie und Windmessungen, wo Standardisierung und Forschungsprojekte im IEC MT50 und der IEA Wind Task 52 eng zusammenarbeiten. Gleiches gilt für die Prüfung von Antriebssträngen in Zusammenarbeit mit der IEA Wind Task 35. Insgesamt funktioniert es sehr gut – dank des Engagements einzelner Experten, die alles zusammenbringen, egal wo sie auf der Welt arbeiten.

